Opfer von häuslicher Gewalt - Soloreisen haben ihr das Leben gerettet

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Die in diesem Artikel geäußerten Meinungen sind die der Autorin.

Die 61-Jährige Patricia, ist bereit gewesen, uns ihre Vergangenheit als Gewaltopfer anzuvertrauen

Sie lebte drei Jahre lang mit einem aggressiven Ehemann zusammen, der für sie und ihren gemeinsamen Sohn Arnaud gefährlich war.

Heute hat Patricia es geschafft, sich wiederaufzubauen und ein stabiles und glückliches Zuhause zu gründen: Sie ist sogar Großmutter geworden und es ist für sie "Der schönste Beruf der Welt"

Mutig, stark und inspirierend, diese Frau hat mich mit ihrer Lebensgeschichte berührt.

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TRANSKRIPTION DES AUDIOS
 
Fanny: Kannst du mir erzählen, was du erlebt hast?

Patricia: "Ich habe meinen Mann in Nizza kennengelernt. Wir sind drei Jahre zusammen geblieben. Er war anfangs sehr charmant; aber er war auch ein echter Mythomane. Er hatte mir viele Dinge erzählt, die sich als falsch erwiesen... Er sagte, er sei Bauleiter, obwohl er nicht einmal arbeitete, er hatte mich belogen. Er ging morgens los und tat so, als würde er zur Arbeit gehen... Dann sind wir nach Straßburg gezogen und haben zusammengewohnt. Dort begann die Gewalt, etwa ein Jahr nach Beginn unserer Beziehung. 

Er war ein bisschen bipolar: Er konnte drei Wochen lang liebenswert sein und dann plötzlich völlig abdrehen. In Straßburg hatte er einen richtigen Job, er machte um 17 Uhr Feierabend und ich um 19 Uhr. Wir hatten einen Freund, der eine Bar besaß: Von 17 bis 19 Uhr spielte er Karten und trank, danach kam er völlig betrunken nach Hause. Er wollte, dass ich "meiner Rolle als Ehefrau nachkomme"; als ich mich weigerte, endete das immer in einer Vergewaltigung. Manchmal versuchte ich, um 17 Uhr Feierabend zu machen, um mich direkt nach der Arbeit mit ihm zu treffen und zu verhindern, dass etwas schiefgeht... Aber das war zu schwierig, ich konnte nicht gleichzeitig meinen Job und ihn managen.

Er ist ein Junge, der in seinem Leben viele seelische Verletzungen hatte, aber nichts davon überwunden hat. Er war wirklich Engel und Teufel zugleich. Er konnte liebenswert sein,   lustig ... Alle liebten ihn. Als ich sagte, dass er mich geschlagen hat, haben mir die Leute nicht geglaubt".

F: Haben sie dir am Ende nie geglaubt?

P: "Sie haben mir schon geglaubt, am Ende, als sie mein Gesicht gesehen haben. Denn irgendwann bin ich trotzdem ins Krankenhaus gegangen.... Er war groß. 1,90 m, 90 kg und er wusste genau wie man schlägt... (Stille). Er war ein ehemaliger Boxer".

F: Und als du ins Krankenhaus gegangen bist, bist du trotzdem zurück zu ihm gegangen?

P: "Ja, weil ... Wenn du so geschlagen wirst, hast du Angst. Und du kannst besser damit umgehen, wenn es von jemandem von drinnen kommt". 

F: Du hast mir gesagt, dass du nicht wusstest, was man hätte tun können, um dir zu helfen, da rauszukommen…

P: "Ja, es ist kompliziert. Es stimmt, dass es Einrichtungen gibt - heutzutage gibt es mehr davon, es gibt Vereine, Rufnummern, all das - und damals bin ich zur Familienplanung gegangen. Aber sie bleiben nicht 24 Stunden bei dir. Sie sagen dir: "Aber ja, du musst gehen." Aber wenn ich ihn verlassen habe, war es noch schlimmer als wenn ich mit ihm zusammen war.  (...) Also bin ich wieder zu ihm zurückgegangen, weil ich wenigstens mit ihm umgehen konnte. Und außerdem, eine Sozialarbeiterin, was soll sie machen? Sie hält mir eine Stunde Moralpredigt... Aber wenn du nach Hause kommst, wenn du ganz allein bist, ist es... (Stille). 

Ich weiß nicht, welche Lösung wir anbieten können. Diese Fragen habe ich mir schon immer gestellt. Natürlich gehst du zu einem Richter, der dir sagt: "Wir stellen dich unter Schutz und reichen die Scheidung ein." Ja, aber mein Mann hat mich, als er den Scheidungsantrag hatte, so sehr geschlagen, weil ich es eben gewagt hatte, die Scheidung einzureichen... Siehst du? Was machst du denn da? Du kannst doch nicht ständig zu deinem Anwalt rennen, zu deinem Richter, zu deiner Sozialarbeiterin".

F: Übrigens hast du gesagt, dass du eine Klage gegen ihn eingereicht hast. War das nie erfolgreich?

P: "Ich habe Anzeige erstattet, aber ich habe sie zurückgezogen, weil er mir gesagt hat, dass er mich umbringen würde, wenn ich Anzeige gegen ihn erstatte.... Und dass er unseren Sohn angreifen würde. 

Ich erinnere mich an einen Abend ... Mein Sohn war noch nicht einmal ein Jahr alt und mein Mann kam nach Hause. Du musst wissen, dass er, wenn er nach Hause betrunken kam , egal zu welcher Uhrzeit, musste er ein Steak grillen; es konnte 4 Uhr morgens sein und es roch im ganzen Haus nach Steak. Dann drehte er "Midnight Express" voll auf und sang. Also wachte mein Sohn eines Tages auf und weinte. Wie alt war er, sechs Monate? Mein Mann nahm ihn: Er schüttelte ihn und warf ihn ins Bett, damit er still bleibt. Ich bin aufgestanden und er hat mir eine Ohrfeige gegeben. Er sagte zu mir: "Du gehst jetzt ins Bett, hier bin ich der König". Danach machte ich ihm jedes Mal, wenn er nach Hause kam, sein Steak. So hörte er "Midnight Express" und ich holte mein Baby ab. Ich blieb mit ihm im Schlafzimmer und beruhigte ihn, damit er nicht weinte. Wie oft habe ich ihm die Hand auf den Mund gelegt, damit er nicht weint…

F: Und eben hast du mir gesagt, dass dein Sohn der Auslöser war.

P: "Ja, genau. Eines Abends hat mich mein Mann geschlagen; ich stand im Flur vor der Haustür. Er hat mich verprügelt und mein kleiner Sohn ist aufgewacht und hat es gesehen. Es war das erste Mal, dass er sah, dass ich geschlagen wurde.... Da sagte er: "Böser Papa, will Oma." Er nahm die Schlüssel, die in einem kleinen Schälchen lagen - die Autoschlüssel - und gab sie mir. Mein Mann riss sich zusammen, um den Kleinen zu sehen. Er schloss sich im Badezimmer ein, nahm eine kalte Dusche und ich nahm meinen Kleinen unter den Arm und ging. 

Da hat es bei mir tatsächlich Klick gemacht. Ich habe mir gesagt, dass etwas nicht stimmt, wenn mein Sohn in seinem Alter reagieren kann und ich nicht reagiere?  Für meinen Sohn musste ich mich bewegen.

Tatsächlich dachte ich nicht einmal mehr daran, mich selbst zu retten. Für mich war mein Leben ... (Stille)".

F: Hast du das mit Liebe verbunden?

P: "Ja, weil ich ihn sehr geliebt habe. Danach sagte ich zu ihm: "Weißt du, die Liebe ist wie ein Damespiel. Du hast deine Figuren, ich habe meine, aber irgendwann hast du keine Figuren mehr: Ich weiß nicht mehr, wo ich in meinen Augen barmherzige Ausreden finden soll. Jetzt haben wir unser Spiel gespielt und wir müssen aufhören". Aber er wollte nicht. 

Ich bin eigentlich bei meinen Eltern aufgewachsen, die vor Liebe nur so strotzen. Sie waren wirklich das Liebespaar schlechthin. Bei uns gab es immer Liebe und ich dachte mir: "Ich habe nicht so viel Liebe erlebt, um jetzt verprügelt zu werden." Ich wollte, dass mein Sohn auch in einer Atmosphäre diese Art der Liebe erlebt, und auch aus diesem Grund bin ich gegangen. Es war eigentlich mehr für meinen Sohn als für mich. 

F: Die Monate danach müssen ziemlich schwierig gewesen sein. Hast du wieder bei deinen Eltern gewohnt?

P: "Ja, ich habe bei meinen Eltern gewohnt. Ich bin drei- oder viermal in meine Wohnung zurückgekehrt, weil ich mit nichts weggegangen bin, also musste ich Kleidung für meinen Sohn und mich sammeln. Aber wenn ich in die Wohnung kam, war sie ziemlich verwüstet. Er hat mit seinen Freunden gefeiert, die Nachbarn haben mir erzählt, dass es immer so weiterging: Party, Party, Party... Als ich eines Tages in das Zimmer des Jungen zurückkehrte, schlief dort ein Mann auf dem Boden. Er hatte vor nichts Respekt, also dachte ich mir, wenn er sich nicht um sein Kind bemüht, brauche ich auch nicht wiederzukommen.

Schließlich ging ich wieder zu ihm zurück, weil ... Ich weiß nicht einmal, warum. Aber es hat einen Monat gedauert und dann bin ich wieder gegangen. Da bin ich endgültig wieder gegangen. Er hatte wieder Karten gespielt und er hatte um mein Auto gewettet ... Aber er hat verloren. In dem Auto war auch der  Kinderwagen, ich hatte alles drin (...) Schließlich bekam ich eine Scheidung wegen Fehlverhaltens. Er durfte sich unserem Sohn und mir nicht mehr nähern. Ich war 28 Jahre alt."

F :Du hast mir erzählt, dass du allein auf Reisen gegangen bist... Wie lange danach?

P: “Also... Ich bin für zwei oder drei Monate wieder bei meinen Eltern eingezogen. Aber ich musste wieder eine Arbeitsstelle finden. Ich habe damals eine Ausbildung zu internationaler Handelskauffrau, in der ich mich furchtbar langweilte, gefunden. Eines Tages sah ich in einer Zeitschrift eine Reisewerbung für Griechenland ... Und ich buchte noch am selben Nachmittag einen Nur-Sitzplatz-Ticket. Schließlich bin ich vier Monate nach der Scheidung abgereist“.

F : Einfach spontan verreist?

P : “Genau und ganz allein. Mit meinem Rucksack. Ich wollte mit meinem Sohn gehen, aber meine Mutter sagte: "Oh nein, nein, nein" (lacht). Sie hatte bereits Angst, dass ich alleine losziehen würde, aber ich brauchte das. Ich erkannte meinen Platz nicht mehr, ich wusste nicht mehr, was ich wert war, ich fühlte mich schuldig. Ich dachte damals, es sei meine Schuld, dass die Ehe gescheitert ist. Und ich wusste auch nicht mehr, wozu ich fähig war. Außerdem gefiel mir die Ausbildung nicht, obwohl alle Mädchen sie toll fanden... Ich dachte in dem Moment, dass das Problem von mir kommen muss, also bin ich gegangen

F: Und du hast offensichtlich eine sehr gute Erinnerung daran!

P: "Oh ja! Das ist meine Stärke. Das ist wirklich meine Stärke, weil ich Dinge gemacht habe, bei denen ich über mich hinauswachsen musste. Es ist nicht einfach, allein wegzugehen, du weißt nicht, wohin du gehst ... Das habe ich noch nie gemacht. So allein mit meinem Rucksack... Ich saß im Flugzeug und da dachte ich "Wow!". (lacht). Aber schon im Flugzeug habe ich ein Mädchen kennengelernt, das auch allein reiste. Dann waren es zehn traumhafte Tage, wirklich. Ohne irgendwelche Probleme. Zehn Tage voller Glück und Lachen... 

Ich erinnere mich, dass wir eines Tages mit zwei Mädchen, die ich kennengelernt hatte, in einer Höhle schlafen wollten. Es waren zwei Elsässerinnen, mit denen ich mich zwei Stunden lang mit meinem Schulenglisch unterhielt, bevor ich merkte, dass wir aus demselben Ort kamen! (lacht). Wir fuhren also nach Matala, das Hippie-Dorf, dort gab es Höhlen und wir bauten unsere Schlafsäcke vor der Nacht auf. Dann gingen wir den ganzen Tag baden... Da waren Arbeiter, die Tomaten pflanzten und sie hatten alle Glöckchen an den Knöcheln. Ich dachte mir, dass es eine schöne Tradition ist, mit Musik zu laufen. Am Abend luden sie uns zum Essen ein und wir sagten ihnen, dass diese Glöckchen nett aussehen. Da sagten sie uns: "Das ist wegen der Schlangen, weil es in den Höhlen Schlangen gibt!" (lacht). Also zogen die Mädchen und ich einen kurzen Strohhalm, wer die Schlafsäcke holen würde, und wir schliefen schließlich am Strand! (...)

So viele kleine Geschichten wie diese ... es war ehrlich gesagt toll". 

F : Was glaubst du, was hat dir diese Reise gebracht?

P : “Kraft... Sobald ich mit einer schwierigen Situation konfrontiert bin, in der ich leicht aufgeben könnte, denke ich daran, dass ich damals ganz allein mit wenig Geld in der Tasche nach Griechenland geflogen bin. Und wenn ich schon diese Reise alleine durchgezogen habe, bin ich auch in der Lage jemandem „nein“ zu sagen. (...) Eigentlich hat es mich gelehrt, Farbe zu bekennen. Wenn ich es nicht auf Anhieb schaffe, wenn ich mich ein bisschen verloren fühle, dann tauche ich wieder in diese Reise ein und das gibt mir wiederum diese Kraft „nein“ zu sagen.”

F :Bist du danach wieder alleine gereist?

P : “Alleine bin ich wieder gereist als ich nach Marokko ging. Dieser Reise war nicht so schön, da sie ein bisschen stressiger war. (...) Die Stellung der Frau dort ist nicht so wie wir sie kennen. Ich habe zum Glück eine Gruppe von jungen Männern kennengelernt, mit denen ich dann weiterreisen konnte. Der Rest der Reise war danach viel angenehmer.

Seitdem habe ich eine Vorliebe für das Reisen entwickelt. Mit Damien, meinem jetzigen Freund, ziehen wir immer mit dem Rucksack los und übernachten bei Einheimischen."

F: Ist es das, was Sie bevorzugen, Übernachtungen bei Einheimischen?

P: "Ah ja! Wir mögen es, mit den Einheimischen zu diskutieren, ihre Kultur zu entdecken... Wir gehen nie als Touristen, d. h. nur zu unserem Vergnügen. Wir wollen wirklich auf andere Menschen zugehen. Wir sind zum Beispiel nach Burma gereist und haben auf den Feldern gearbeitet. Ich bringe immer Spielzeug für die Kinder mit: Puzzles, Bücher, Stifte... Wir gehen in die Schulen und fragen, ob wir eine Stunde mit ihnen verbringen können. Das ist bereichernd. 

Ich finde, dass man immer mehr alleinstehende Frauen trifft, die ebenfalls diese Einstellung haben. Als ich das letzte Mal in Thailand war, habe ich ein Solomädchen getroffen, das zehn Tage lang im Elefantenpark verbracht hat, um sich um die Elefanten zu kümmern. (...) Es gibt wirklich außergewöhnliche Mädchen".

F : Hast du einen Rat für diejenigen, die sich noch nicht getraut haben?

P : “Zunächst sollte man seine Angst überwinden und dies nicht anderen zeigen. Ich hatte einen Taekwondo-Lehrer, der mir sagte: „Wenn du auf der Straße läufst, musst du deine Schultern gerade halten und zielstrebig gehen.“ Wenn Leute merken, dass du Angst hast, wirst du zur Zielscheibe.

Zweitens, wirklich, wenn du allein losziehst, bist du nie allein. Wenn du also in ein Hotel gehst, in dem alles organisiert ist, wirst du sicher allein sein, weil dort nur Paare sind. Wenn du mit dem Rucksack verreist, bist du nie allein“.

Nochmals vielen Dank an Patricia, dass sie ihre Geschichte mit uns geteilt hat. Seitdem hat sie sich ein Leben voller schöner Erlebnisse geschaffen, die sie immer mit Begeisterung und einem Tonfall voller Schwung und Lebensfreude erzählt. 

Die Reisen haben ihr geholfen, sich wieder aufzubauen und sich stärker als je zuvor zu zeigen.  Birma, Thailand, Laos: Sie macht sich jedes Jahr auf den Weg, um die Welt kennenzulernen. Ich freue mich, dass ich sie, diese unabhängige und inspirierende Backpackerin, kennenlernen durfte.

SisterHome schenkt Pässe an Frauen die zu Gewaltopfern geworden sind, um ihnen einen Ausweg aus einem zu dunklen Alltag zu ermöglichen.

Sie können diesen Frauen auch helfen, indem Sie eine solidarische Gastgeberin werden, um den Frauen, die sich wieder aufbauen, einen Zufluchtsort auf ihrer Reise zu bieten. Eine ausgestreckte Hand, um ihnen zu helfen, in die Ferne zu fliegen und ihrerseits "Die Kraft zu finden, nein zu sagen".

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