Per Anhalter fahren: Tipps für sicheres trampen

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Die in diesem Artikel geäußerten Meinungen sind die der Autorin.

Per Anhalter fahren. Augen auf den Horizont gerichtet, so stehe ich da, mit dem Rucksack zwischen meinen Füßen, den Arm ausgestreckt, und halte ein Schild mit einem etwas ungewöhnlichen Ziel draufgekritzelt. Ich lächel jedem vorbei fahrenden Auto zu, mache gelegentlich einen kleinen freundlichen Gruß mit der Hand, und wette darauf, welches Auto für mich anhalten wird.
Allein dort zu stehen und auf das Unbekannte zu warten, ist für mich der Inbegriff von Freiheit!

"Ja, Freiheit ist gut und schön, aber wenn du auf dem Rücksitz vergewaltigt wirst, hat das nichts mehr mit Freiheit zu tun!"....

Das bekomme ich leider viel zu oft zu hören, wenn ich von meinen per Anhalter fahren Erfahrungen erzähle. Ich habe oft genug versucht zu erklären, dass ich über ein Jahr lang kreuz und querdurch ganz Europa getrampt bin, und dass mir dabei fast nie etwas passiert ist. Trotzdem kommt dann immer diese Erwiderung:

"Ja, aber du hast einfach Glück, du weißt nichts von den Gefahren...".

Doch, genau das ist der Punkt: Ich KANN die Gefahr einschätzen. Mit Einschätzen meine ich hier, dass man aufhören sollte zu denken, an jeder Straßenecke würde ein potenzieller Vergewaltiger lauern. Die meisten Menschen sind keine schlechten Menschen, im Gegenteil, wenn ich meiner Erfahrung nach spreche, ist der Mensch herzensgut, großzügig und man wird immer wieder überrascht (im positiven Sinne). Ich habe meine schönsten Lebenserfahrungen durch Begegnungen mit Fremden gemacht!

"Ja, aber der Typ, der für dich anhält, ich bin mir sicher, dass er immer einen Hintergedanken dabei hat...".

Halt, Stopp, nicht so schnell… Erstens, sind es meistens Frauen oder Paare, die mich mitnehmen, Frauensolidarität! Und wenn es ein Mann ist, bin ich mir dessen natürlich auch bewusst. Ich kann mir schon vorstellen, dass ich vielleicht eine potenzielle Männerfantasie von einer kleinen unschuldigen Anhalterin in ihrem kurzen Blümchenkleid darstelle. 
Um dem entgegenzuwirken, würde ich gerne meine eigenen (Sicherheits-)Tipps mit euch teilen: ABER: Ich gehe davon aus, dass die überwiegende Mehrheit der Männer, die mich beim per Anhalter fahren mitnehmen, einfach ein großzügiges Herz haben, und ich möchte die Gelegenheit nutzen, um mich bei allen, die meinen Weg gekreuzt haben, zu bedanken: Bravo, Jungs!

Per Anhalter fahren Tipp 1: Nummernschild fotografieren und verschicken


Das klingt zunächst ziemlich radikal. Das Auto hält an, der Mann kurbelt das Fenster herunter und es folgt ein kurzer Dialog von: "Wohin willst du… Ah, ich auch, komm, steig ein …", aber bevor ich einsteige, gehe ich immer so natürlich wie möglich an dem Auto vorbei, fotografiere das Nummernschild und schicke es sofort an eine Freundin weiter.
Danach steige ich ins Auto und erkläre auch meistens, dass dies meine kleine "Versicherung" ist, falls ich jemanden mit bösen Absichten treffe.

Auch wenn wir manchmal nicht die gleiche Sprache sprechen, kann ich das immer verständlich erklären. Keine Sorge, das führt nicht zu Spannungen, im Gegenteil! Es schafft oft eine lustige Situation, die die Stimmung aufheitert und das Eis bricht!
Und sollte der Typ tatsächlich die Idee gehabt haben, einen kleinen Umweg durch den Wald zu machen, denke ich, dass ihn das sicherlich umstimmt.

Tipp 2: Blümchenkleid im Rucksack lassen


Es ist bedeutend, wie man sich präsentiert. Ich bin natürlich überhaupt nicht pro Victime-blaming, und empöre mich sehr über dumme Aussagen, die man leider zu oft hört, wie: "Es ist ihre Schuld, sie hat ja einen kurzen Rock getragen", aber gleichzeitig will ich auch einfach das Risiko minimieren. Wenn ich alleine verreise, trage ich meine hübschen Outfits nur dann, wenn ich an einem sicheren Ort bin, und mich wohlfühle. Wenn per Anhalter fahren gerade mein Transportmittel ist, verwandle ich mich in eine tollkühne Abenteurerin! Lockere, praktische Kleidung, Cargohose, Gürtel, Wanderschuhe, Militärmütze, kein Make-up, kein Schmuck, kein Dekolleté. Aber ich übertreibe es auch nicht zu sehr!

Tipp 3: Einstellungssache


Wenn du dich eher als schüchtern, zerbrechlich und naiv bezeichnest, ist per Anhalter fahren…genau das RICHTIGE für dich! Das kommt jetzt vielleicht etwas unerwartet und paradox, aber glaub mir, es wird dich dazu zwingen, diese Eigenschaften zu ändern. Denn in dem Augenblick, in dem du in das Auto eines Menschen steigst, betrittst du sein Territorium, und es liegt dann an dir und wie du dich präsentierst, um ihm klarzumachen, dass du kein potenzielles Opfer bist. Lächeln und freundlich sein gehört dazu, aber auch bestimmt und direkt. Wenn die Person anfängt, dir Fragen zu stellen wie "Bist du Single...", antworte schlagfertig und selbstbewusst, und sei am besten auf solche Situationen vorbereitet.

Tipp 4: Behalte dein Gepäck bei dir


Kein unwichtiges Detail, sondern ziemlich entscheidend. Selbst wenn der Typ darauf besteht, den Gentleman zu spielen und dein Gepäck unbedingt in den Kofferraum oder auf den Rücksitz verfrachten möchte, bleib dabei:

"Nein, ich habe meine Sachen lieber bei mir.
- Aber Sie werden vorn mit Ihrer großen Tasche ja ganz eingequetscht!
- Das ist kein Problem."

Selbst Typen, die per Anhalter fahren, halten sich an diese Faustregel, um nicht beklaut zu werden, oder falls man notfalls schnell aussteigen muss, weil es ein Problem mit dem Fahrer gibt.

"Aus einem fahrenden Auto steigen?"

Klingt gefährlicher als es ist, wenn der Fahrer trotz deiner Aufforderung nicht anhalten will, kannst du diese Methode austesten, einfach die Fahrzeugtür öffnen, und der Fahrer wird schon anhalten! (Im schlimmsten Fall wirfst du alles, was du im Handschuhfach oder Auto um dich herum findest aus dem Fenster, das sollte radikal genug sein - allerdings musste ich das noch nie austesten.)

Tipp 5: Tagsüber per Anhalter fahren


Eigentlich eine logische Schlussfolgerung: Tagsüber ist man sichtbar, nachts hingegen sieht man kaum was, es fahren weniger Autos und es ist wirklich schwieriger eine Mitfahrgelegenheit zu finden. Um nicht in diese Situation zu geraten und nachts trampen zu müssen, berechne ich immer die Dauer meiner Fahrt: wie viele Kilometer, wie oft ein Richtungswechsel, welche Art von Straße. Wenn ich eine lange Fahrt vor mir habe, fahre ich früh am Morgen los und plane immer einen großen Puffer ein.

Tipp 6: “Ich hab 'nen Freund”, oder nicht?


Eine Zeit lang habe ich immer extra erwähnt, dass ich einen Freund habe, weil ich dachte, dass das die Versuchungen reduziert. Aber ich bin zum Schluss gekommen, dass es nicht unbedingt etwas bringt. Vielleicht ist bei verheirateten Männern sogar das Gegenteil der Fall... Und einige Male hat es mich sogar in zweideutige Situationen gebracht:

"Lässt dein Freund dich allein trampen?
- Ja, wir sind ein ziemlich unabhängiges Pärchen und er vertraut mir.
- Unabhängig ... habt ihr so 'ne offene Beziehung?" 

Und voilà! Die Diskussion ging doch in die falsche Richtung... Liiert oder Single? Ich habe keine klare Meinung dazu. Was meint ihr dazu, Mädels? Habt ihr noch andere Tipps oder Ratschläge, die ihr uns mitteilen möchtet?

Übersetzt aus dem Französischen von Anna-Sophia Luh

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